Oktober 17, 2017

Ibn Hazm und Udhr bil Jahl (Entschuldigung durch Unwissenheit)

Der Madhhab von ibn Hazm az-Zāhirī [rahimahullāh] (gestorben 15.08.1064 in Niebla/Spanien):

Er [ibn Hazm] war einer derjenigen, die über dieses Thema am meisten geschrieben haben aus einer fundamentalen Shariahsicht, aus welcher er Beweise von den Texten für den Udhr bil Jahl brachte.

Ebenfalls zeigte er die Grenzen auf, bis wann der Udhr bil Jahl existiert, aus der Sicht des „Aufstellen des Beweises“ (sog. Hujja) und wann die Hinderungsgründe aufgehoben sind.

Dass nach ibn Hazm der Shirk aus Unwissenheit nicht aus dem Islām heraus treten lässt, beweisen viele seiner Aussagen.

 

Die erste Angelegenheit: Dass sich darauf geeinigt wurde, dass nicht jeder der eine Kufrtat sagt oder macht zum Kāfir wird, wenn er unwissend ist, und dies ist ein allgemeines Urteil in der gesamten Religion.

 

Dazu sagte Imām ibn Hazm:

„Wir sagen, dass jeder der eine Freveltat oder eine Tat des Kufr nach dem Aufstellen des Beweises tut, auf ihn dieses Urteil [des Fisqs/Kufrs] fällt. Auf wen der Beweis nicht aufgestellt wurde, so wird dieser entschuldigt und belohnt, auch wenn er einen Fehler begangen hat und der Beweis muss ihn erreichen und auch wenn er nichts bei sich hat [um es aufzuschreiben], muss ihm trotzdem der Beweis aufgestellt werden.“ [al-Ahkām 1/67]

In einem anderen Buch macht es Ibn Hazm anhand von Beispielen deutlicher. Wir erwähnen diese auch, weil diejenigen die Zweifel in ihren Herzen über diese allgemeine Aussage haben, einwenden würden und sagen würden:

„Sowas kann man nicht als Beweis nehmen, weil das würde bedeuten, dass ibn Hazm alles mögliche aus Unwissenheit entschuldigt“

Und diese Leute könnten Beispiele anführen von Götzenanbetern, Christen und Juden und sagen: „Ja, dann entschuldigt Ibn Hazm ja auch dies und jenes…“ Und man könnte ein endloses Schreiben über alle möglichen Götzendienste und Unglauben aufzählen. Und diese Aussagen von diesen Leuten sind nur zum Abschrecken, weil der normale Muslim, der seinen Glauben zu kennen scheint, sich sagen wird: „Ja dies stimmt.“ Und somit hält man den Leser ab von der Untersuchung solcher Angelegenheiten.

Ähnlich ist es, wenn man sagt, dass es Fiqh [Rechtswissenschaft] im Islām gibt und diese Gegner der Rechtswissenschaft sagen dem normalen Muslim:

„Halte dich bloß davon fern! Wollt ihr den Qur’ān und Sunnah verlassen und euch stützen auf die Aussagen der Menschen?“

Auch so eine Aussage schreckt den normalen Muslim ab und er wird sagen: „Nein, ich möchte Allāh und seinem Gesandten (sallallahu aleyhi wa salam) folgen.“

Doch die Realität ist, dass das Endprodukt durch das Untersuchen des Qur’āns und der Sunnah durch die Menschen [Gelehrten], das letztendliche Urteil ist , welches ohne Fiqh unmöglich ist. Und die allgemeine Unwissenheit über Fiqh tritt auf, durch genau jene Leute, die vor der Rechtswissenschaft warnen und abschrecken, unwissend darüber wie wichtig Usūlil Fiqh, Usūlil Hadīth, Usūliddīn, Jarh Wa Ta’dīl, Ikthilāful Madhā’hib, Ilm ur-Rijāl und weitere Themen sind, aus demselben Grund herrscht eine Unwissenheit über das Thema Udhr bi Jahl, weil das genaue Untersuchen dieses Themas begleitet von einer Abschreckung ist.

Wir wollen aufzeigen dass Fiqh, Usul ul Fiqh und die ganzen Wissenschaften für das richtige Verständnis der Aqida Themen unumgänglich sind.

Wie dem auch sei, bei diesen ganzen Themen der „Entschuldigung durch Unwissenheit“ (al-Udhr bil Jahl), muss unbedingt festgehalten werden, dass es um einen Mensch geht, der alle Fundamente des Islams bestätigt und sich auch zum Islam bekennt und diese Person muss auch sagen, dass Allāh (azza wa jal) sowohl der einzige Anbetungswürdige ist, als auch der einzige zu dem die Gottesdienste gehen.

Hierzu folgende wichtige Aussage von ibn Hazm:

„Die Gelehrten des Islam sagten: „Wer ohne Zweifel und Zögern im Herzen an „La ilaha illallah Muhammadun Rasulullah“ glaubt, es mit der Zunge aufsagt, und alles, was der Gesandte Allahs (sallallahu aleyhi wa salam) überbrachte, bestätigt und zudem seine Abkehr von allen Religionen außer der des Gesandten Muhammads (sallallahu aleyhi wa salam) verkündet, erst dann wird er zu einem Muslim und Mu’min. Um ein Muslim und Mu’min zu werden braucht er nichts anderes zu tun als dies.“ (Al Fasl Band: 4, S. 35)

Weiter geht es mit den angekündigten Aussagen:

Hier erklärt ibn Hazm bis wohin er den Grad der Entschuldigung durch Unwissenheit sieht. Er [rahimahullāh] sagt:

„Es ist verpflichtend niemanden zum Kāfir zu erklären durch ein Wort was er sagt, außer indem er dem, welches bestätigt wurde, dass Allāh oder sein Gesandter es sagten, widerspricht. Egal ob es zu den bindenden Sachen in der Religion gehört oder auch das was authentisch über den Propheten (sallallahu aleyhi wa salam) überliefert wurde, in mündlicher Form oder schriftlicher mit dem Konsens und vielfach überlieferten Überlieferungsketten, oder von einfachen Überlieferungsketten.

Der Takfīr wird nur auf denjenigen gesprochen, bei dem es sich um einen klaren Text handelt, welchen ihn zum Kāfir erklärt, und er sich ihm entgegenstellt.

Was ist mit jenem, der sagt, ich bezeuge das Muhammad (sallallahu aleyhi wa salam) der Gesandte Allāhs ist, aber ich weiß nicht ob er ein Qurayšī oder ein Tamīmī oder ein Fārisī war und ich

weiß nicht ob er im Hijāz oder im Khorasān war und ich weiß nicht ob er lebt oder gestorben ist. So wird ihm gesagt, dass wenn er unwissend war und nichts weiß von diesen Information oder von der Chronologie seines Lebens nichts weiß, so ist es verpflichtend ihn aufzuklären. Wenn er dann die Wahrheit verstanden hat und sie aus Sturheit leugnet, so wird er zum Kāfir, dessen Blut Halāl und Vermögen nicht mehr geschützt ist. Auf jenen wird das Urteil des Abtrünnigen vollstreckt.

Viele von den Rechtschaffenen wissen nicht, wann der Prophet (sallallahu aleyhi wa salam) gestorben ist oder wo Er war und in welchem Land er gelebt hat, so reicht es für jene mit dem Herzen und der Zunge zu bestätigen, dass dieser Mann dessen Name Muhammad der Gesandte Allāhs (sallallahu aleyhi wa salam) für diese Religion ist.

Und ebenso mit jenen welcher sagt, dass sein Herr (azza wa jal) ein Körper ist, so wenn er unwissend oder voreilig ist, so ist er entschuldigt und es ist verpflichtend ihn zu unterrichten [über die Wahrheit]. Wenn also auf ihn der Beweis aufgestellt wurde aus dem Qur’ān und der Sunān und er dem trotzt aus Sturheit so ist er ein Kāfir auf welchen das Urteil des Abtrünnigen gerichtet wird.

Und mit jenem, der sagt „Allāh (azza wa jal) ist die Person so und so oder eine spezielle Person oder Allāh (azza wa jal) tritt in einem Körper von den Körpern seine Schöpfung auf“ oder dieser sagt,dass nach dem Propheten (sallallahu aleyhi wa salam) ein anderer Prophet außer Īsā Ibn Maryam kommen wird, so zweifelt niemand an den Takfīr auf diese Person mit der Bedingung ,dass der Beweis in richtiger Art und Weise aufgestellt wird auf jemanden der eines von diesen Dingen sagt.

Wenn jemand gefunden wird, der solche Dinge in seine Religion hat einfließen lassen und ihn nichts von den Überlieferungen [Wahrheit] erreicht hat und er sich somit von der Wahrheit unterscheidet, so wird der Takfīr auf ihn verpflichtend, wenn ihm der Beweis gegeben wurde.

[Ibn Hazm,al-Fasl fī al-Malal wa’l Ahwa wa’n-Nihāl, 3/292-293]

Was die Entschuldigung aus Unwissenheit beweist, ist eine Angelegenheit auf die sich die Gelehrten geeinigt haben, worüber hier durch ibn Hazm gesagt wird:

 

„Die Gelehrten haben sich alle darauf geeinigt, ohne Meinungsverschiedenheiten von einem von ihnen, dass derjenige der eine Āya aus dem Qur’ān absichtlich auswechselt und er weiß, dass sich die Masā’hif unterscheiden und er absichtlich Wörter weglässt oder hinzufügt , dass diese Person ein Kāfir ist mit dem Konsens der Gelehrten allesamt. Hierauf , wenn jemand gesehen wird, der in seiner Rezitation einen Fehler macht und ein Wort hinzufügt oder weglässt und es aus Unwissenheit mit einem anderen Wort verwechselt so ist dies ein Missgeschick, für welches er ermahnt wird bevor ihm die Wahrheit gezeigt wird. So ist dies bei keinem der Gelehrten Unglaube, Frevelei oder eine Sünde. Wenn ihm dann aus dem Masā’hif [Qur’ānbuch] gezeigt wird was er gelesen hat und ihm somit also der Beweis gegeben wird und er trotzdem auf seinen Fehler beharrt, sprechen alle Gelehrten zwangsläufig den Takfīr auf diese Person.“ [Ibid, 3/296]

 

Zweite Angelegenheit: Die Bestätigung in der Entschuldigung aus Unwissenheit in großen gegensätzlichen Ansichten, sei es in Angelegenheiten des Tauhīd, in Angelegenheiten der Ibāda oder anderen von diesen Angelegenheiten.

 

So ist die Antwort, dass das sich Abwenden vom Propheten (sallallahu aleyhi wa salam) und das Lügen und Verleugnen über Allāhs Allmacht und das Absprechen der Fähigkeit Allāhs (azza wa jal) zu allem wie auch das Leugnen vom Verbot des Alkohols oder der Pflicht des Gebetes oder dem Beleidigen der Sahāba, dass Ibn Hazm [rahimahullāh] der Meinung war, dass der Muslim welcher unwissend über diese Angelegenheiten ist ,nicht zum Kāfir erklärt wird und ihm der Islām nicht aberkannt werden kann.

So sagte ibn Hazm über diejenigen, die über den Propheten (sallallahu aleyhi wa salam) gelogen haben das folgende:

Zuerst eine Überlieferung um den Kontext seiner Aussage besser zu verstehen

An-Nasa’iyy überliefert von A’isha:

„Der Prophet (sallallahu aleyhi wa salam) sandte Abu Djam ibn Hudayfah, um die Zakat einzusammeln. Ein Mann begann mit ihm über die Zakat, die er entrichten sollte, zu streiten, sodass Abu Djam ihn schlug. Seine Leute gingen daraufhin zum Propheten (sallallahu aleyhi wa salam) und sagten: „Vergeltung, oh Gesandter Allahs!“ Er (sallallahu aleyhi wa salam) antwortete: „Ihr bekommt so und so viel.“ Sie waren damit aber nicht einverstanden. Da sagte er: „Ihr bekommt so und so viel.“ Und sie stimmten dem zu. Da sagte der Gesandte Allahs (sallallahu aleyhi wa salam): „ Ich werde zu den Leuten sprechen und ihnen mitteilen, dass ihr damit einverstanden seid.“ Sie sagten: „Ja.“ Der Prophet (sallallahu aleyhi wa salam) sprach daraufhin zu den Menschen und sagte: „ Diese Leute sind zu mir gekommen, weil sie Vergeltung fordern und ich habe ihnen darum so und so viel angeboten und sie sind einverstanden damit.“ Sie antworteten: „Nein!, die Muhajirun wollten Vergeltung an ihnen üben.“ Da befahl ihnen der Prophet (sallallahu aleyhi wa salam) davon Abstand zu nehmen und sie gehorchten ihm. Dann rief er sie zu sich, erhöhte den Betrag und fragte:“Seid ihr damit einverstanden?“ Und sie antworteten:“Ja.“ Er (sallallahu aleyhi wa salam) sagte: „ Ich werde zu den Leuten sprechen und ihnen mitteilen, dass ihr damit einverstanden seid.“ Sie sagten: „Ja.“ Da sprach er (sallallahu aleyhi wa salam) mit den Leuten und fragte: „ Seid auch ihr einverstanden?“ Und sie sagten: „Ja.“ [Sahih an-Nasa’iyy]

Ibn Hazm sagte dazu: „ In dieser Überlieferung findet sich ein Hinweis darauf, dass derjenige entschuldigt ist, der unwissend ist, und dass sein Tun kein Verlassen des Islam bedeutet, auch wenn dieses Tun, wäre es von einem Wissenden ausgeführt worden, dem der Beweis bereits überbracht worden ist, Unglauben darstellen würde. Denn diese Laytiden ( Bezeichnung einer Herkunft) bezichtigten den Propheten (sallallahu aleyhi wa salam) der Lüge und ihn der Lüge zu bezichtigen ist ohne jeglichen Zweifel reiner Kufr. Wegen ihrer Unwissenheit aber und weil es sich um Beduinen handelte, wurde ihnen wegen ihrer Unkenntnis vergeben und sie wurden nicht zu Kuffar erklärt.“ [Ibn Hazm, al-Muhalla 10/410]

Die Praxis von ibn Hazm [rahimahullāh] zeigt wie weit er er mit „der Entschuldigung aus Unwissenheit “ (Udhr bil Jahl) ging , so wie der vorherige Text zeigt, sodass er sogar in Dingen entschuldigte in denen die absolute Mehrheit der Gelehrten nicht entschuldigte außer er. So wie das Entschuldigen jener, die sich über Allāh (azza wa jal) oder seinen Gesandten (sallallahu aleyhi wa salam) lustig machen und unwissend darüber sind.

Folgendes Zitat von ibn Hazm muss allgemein genommen werden bis eine eindeutige Aussage diese seine Aussage einschränkt.

Ibn Hazm [rahimahullāh] sagt:

„Es wurde durch die Texte bestätigt, dass jeder der sich über Allāh (azza wa jal), einen Engel von den Engeln, über einen Propheten der Propheten [aleyhum salām], einen Vers aus dem Qur’ān oder eine Pflicht von den Pflichten der Religion, welche alles Zeichen Allāhs (azza wa jal) sind, lustig macht, nach dem Überbringen der Beweise (Hujja) ein Kāfir wird.“

[Ibn Hazm, al-Fasl fī al-Malal wa’l Ahwā wa’l Nihāl, 3/299]

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2 Comments

  1. Mohammad

    Den Shirk, also die ‚Ibadah li ghairi-Llah bzw. min duni-Llah, erwähnt Ibn Hazm (rah) aber nicht. Von daher bezieht sich der Text auf die Entschuldigung durch Unwissenheit in Angelegenheiten, wo die Hujjah erbracht werden muss.

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    1. Suleyman Sherzad

      Wo machst du denn die Grenze fest bis wohin die Entschuldigung bei Unwissenheit geht? Ibn Hazm und ibn Taymiyyah entschuldigen beide gravierende Fehlvorstellungen was die Rububiyyah Allahs angeht. Es sei also für dich aus Unwissenheit entschuldigt, wenn man fehlerhafter Weise denkt, dass ein Mädchen Allah ist (haasha!), aber nicht entschuldigt, wenn man eine Form der Ibadah nicht kennt und fälschlicherweise jmd. anderen entgegen bringt, doch grundsätzlich bezeugt und akzeptiert, dass es keinen Illah gibt außer Allah bzw. nur Allah azza wa jal der Anbetung würdig ist.

      Kannst du in diesem Zusammenhang auch mit Koran und Sunnah belegen, dass die im Koran erwähnten Mushrikin die Shahada bezeugt haben bzw. anerkannt und akzeptiert haben, dass es keinen Illah gibt außer Allah und niemand der Anbetung würdig ist außer Allah?

      Denn durch so ein Beleg könntest du beweisen, dass sich die Mushriqin und diejenigen, die sich zum Islam bekennen und vermeintlich Shirk begehen, gleich sind.

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