August 21, 2017

Kam ein Mann wirklich wegen einer Fliege in die Hölle ?

 Kam ein Mann wirklich wegen einer Fliege in die Hölle ?

 

Wir haben folgende Überlieferung etwas unter die Lupe genommen, welche von  Abdur-Rahmān ibn Hasan, dem Enkel von Muhammad ibn Abdul-Wahhāb, in seinem Werk Fath ul-Majīd erläutert wurde.

 

Er [Abdur-Rahmān ibn Hasan] sagt, dass der folgende Hadīth überliefert ist in Ahmads Musnād und, dass der Prophet (sallallahu alayhi wa sallam) sagte:

 

„Wegen einer Fliege kam ein Mann in die Paradies und ein anderer in die Hölle.“

Die Sahāba [radī Allāhu anhum ajma’īn fragten]: O Gesandter Allāhs wie kann das sein? Der Prophet (sallallahu alayhi wa sallam) erwiderte: „sie kamen zusammen an einer Stadt vorbei. Das Volk dieser Stadt hatte einen Götzen, für den jeder, der an dieser Stadt vorbei kam, etwas Opfern musste. Sie sagten zu dem einen: „Übergebe eine Opfergabe!“ Der Mann antwortete: „Ich besitze nichts, was ich als Opfergabe darbieten könnte.“ Man sagte ihm: „Dann opfere zumindest eine Fliege.“ Und er opferte eine Fliege. So ließen sie ihn frei und er setzte seine Reise fort. Allāh (azza wa jal) hat diesen Mann wegen seiner Tat in die Hölle gesteckt. Und zu dem anderen sagten sie: „Auch du musst etwas opfern.“ Doch er antwortete: „Außer zu Allāh (azza wa jal) biete ich niemanden ein Opfer dar, auch wenn es nur eine Fliege ist.“ Daraufhin enthaupteten sie ihn. Und so ging er wegen dieser Tat ins Paradies.“ [Ahmad]

 

Zu der Überlieferung kommen wir gleich, was uns jedoch viel mehr bei unserer Untersuchung verwunderte, ist die Behauptung, die jetzt gestellt wird!

 

Abdur-Rahmān ibn Hassan kommentierte den Hadīth wie folgt:

 

„In diesem Hadīth ist eine strenge Warnung vor dem Širk vorhanden, denn der Mensch kann auch unbewusst in den Širk fallen, der ihn in die Hölle führt.“

 

Dann geht es härter weiter, er sagt:

 

„Die Person, die die Fliege opferte, war vorher ein Muslim und wurde durch die Tat ein Kafir.“ [Fath ul-Majīd] S.149]

 

  1. Woher aus der Überlieferungen entnimmt er, dass diese Person ein Kāfir wurde ?

 

  1. Jetzt schauen wir uns die Überlieferung genauer an. Wir schauten im Musnād von Imam Ahmad und so ein Hadīth existiert dort nicht. Diese Geschichte wird stattdessen in az-Zuhd von Imām Ahmad überliefert. Und der Original Wortlaut lautet sehr sehr anders.

 

Hier, wie es wirklich steht, und das kann jeder selber gerne überprüfen:

 

Wir sehen, dass das kein Hadīth vom Propheten Muhammad Mustafā (sallallahu alayhi wa sallam) ist, sondern es ist eine Geschichte [!!!] welche von Sulaymān [aleyhi salām] überliefert wurde.

Und außerdem kommt es in al-Musannaf ibn Abi Šayba [Nr. 33038] vor und die Überlieferung lautet im Original so. Die Version wie angegeben bei Ahmad geht sinngemäß wie folgt:

 

حَدَّثَنَا وَكِيعٌ، قَالَ: ثنا سُفْيَانُ، عَنْ مُخَارِقِ بْنِ خَلِيفَةَ، عَنْ طَارِقِ بْنِ شِهَابٍ، عَنْ سَلْيمَانَ، قَالَ: «دَخَلَ رَجُلٌ الْجَنَّةَ فِي ذُبَابٍ وَدَخَلَ رَجُلٌ النَّارَ، مَرَّ رَجُلَانِ عَلَى قَوْمٍ قَدْ عَكَفُوا عَلَى صَنَمٍ لَهُمْ» وَقَالُوا: لَا يَمُرُّ عَلَيْنَا الْيَوْمَ أَحَدٌ إِلَّا قَدَّمَ شَيْئًا، فَقَالُوا لِأَحَدِهِمَا: قَدِّمْ شَيْئًا، فَأَبَى فَقُتِلَ، وَقَالُوا لِلْآخَرِ: قَدِّمْ شَيْئًا، فَقَالُوا: قَدِّمْ وَلَوْ ذُبَابًا، فَقَالَ: وَأَيْشٍ ذُبَابٌ، فَقَدَّمَ ذُبَابًا فَدَخَلَ النَّارَ، فَقَالَ سَيلْمَانُ: «فَهَذَا دَخَلَ الْجَنَّةَ فِي ذُبَابٍ، وَدَخَلَ هَذَا النَّارَ فِي ذُبَابٍ

 

Tāriq ibn Šihāb berichtet von Sulaymān [aleyhi wa salām], der sagte: „Ein Mann trat durch eine Fliege ins Paradies ein und ein Mann in die Hölle. Zwei Männer gingen bei einem Volk, welche einen Götzen anbetete, vorbei. Sie sagten: „Keiner läuft heute bei uns vorbei, ohne dabei [für den Götzen] etwas zu opfern.“ Sie sagten zu einem von beiden: „Opfere was!“ Doch er lehnte es ab, daraufhin wurde er getötet. Sie sagten zu dem Anderen: „Opfere was!“ … sie sagten: „Opfere, auch wenn es eine Fliege wäre!“ Er sagte: „Was ist denn eine Fliege!?“ Dann opferte er und kam in die Hölle. Daraufhin sagte Sulayman [aleyhi salām]: „Dieser trat durch eine Fliege ins Paradies ein und dieser kam in die Hölle durch eine Fliege.“

 

In Hilyatu’l-Awliya [1/203] von Abu Nu’aym wird erklärt warum der Eine getötet wurde:

 

قَالَ: مَا كُنْتُ لِأُقَرِّبَ لِأَحَدٍ دُونَ اللهِ فَقَتَلُوهُ فَدَخَلَ الْجَنَّةَ

 

„… Er sagte „Ich würde niemals für einen außer Allah etwas opfern“ Daraufhin wurde er getötet und trat ins Paradies ein…“

 

Albanī sagt, dass die Version von Tāriq über den Musannaf über Salmān authentisch ist, dass heißt das es beweisen wurde, dass es nicht [!!!] vom Propheten ist, sondern lediglich von Salmān. Weil in der Version von ibn Abī Šayba kommt es nicht von Sulayman sondern von Salmān vor. Alles in allem ist es nicht bewiesen ob es vom Propheten ist, und es ist höchstwahrscheinlich eine „Isrā’ilīya“, eine Geschichte von den Juden oder Christen was als Weisheit gilt.

 

Der Muhaqqiq von az-Zuhd Hamīd Ahmad at-Tāhir Hamīd al-Basyūnī [Druckversion Daru’l-Hadīth] sagte:

 

هذا حديث من نوع الاسرائليات التي لا تصدَّق ولا تكذَّب, وطارق بن شهاب تابعي لم يثبت له رؤية للنبي صلى الله عليه وسلم وقد نبَّه ابن قيم الجوزية في „الداء والدواء (ص ۵۲) على أنه رفعه للنبي صلى الله عليه وسلم

 

„Dieser ist ein Hadīth von Art der jüdischen Geschichten, was man weder ablehnen noch bestätigen kann. Tāriq ibn Šihāb ist ein Tabi’ī, es steht nicht fest, dass er den  Prophet ﷺ sah. Doch Ibn Qayyim al-Jawziyya machte in „ad-Dā´u wa’d-Dawā“ [S. 52] darauf aufmerksam, dass er [Tāriq ibn Šihāb] den Hadith zum Prophet ﷺ erhob [Marfū‘ überlieferte].“ [az-Zuhd, S. 32]

 

  1. Wir haben uns gefragt, wie es sein kann, dass eine Person, die um ihr Leben bangt in die Hölle kommen kann? Was hat er verbrochen, wenn er um sein Leben fürchtete. Wie kann es sein, dass der Kommentator [Abdur-Rahman ibn Hassan], der hier die Überlieferung dem Propheten ohne wenn und aber zuordnete und aus dieser „Geschichte“ sogar eine fundamentale Sache von Kufr und Imān machte, während sowas nie von den früheren Gelehrten vertreten wurde?

 

Die Ulāma der Klassik sagten über solch eine Tat wie die, die der Mann der die Fliege opferte folgendes Wort:

 

Shaykh al-Islām Taqī ud-Dīn Ahmad Ibn Abdul-Halīm ibn Abd as-Salām ibn Taymīyah [rahimahullāh] sagte über solch eine Tat sinngemäß folgendes:

„وَمَا كَانَ كُفْرًا مِنْ الْأَعْمَالِ الظَّاهِرَةِ: كَالسُّجُودِ لِلْأَوْثَانِ وَسَبِّ الرَّسُولِ وَنَحْوِ ذَلِكَ فَإِنَّمَا ذَلِكَ لِكَوْنِهِ مُسْتَلْزِمًا لِكُفْرِ الْبَاطِنِ وَإِلَّا فَلَوْ قُدِّرَ أَنَّهُ سَجَدَ قُدَّامَ وَثَنٍ وَلَمْ يَقْصِدْ بِقَلْبِهِ السُّجُودَ لَهُ بَلْ قَصَدَ السُّجُودَ لِلَّهِ بِقَلْبِهِ لَمْ يَكُنْ ذَلِكَ كُفْرًا وَقَدْ يُبَاحُ ذَلِكَ إذَا كَانَ بَيْنَ مُشْرِكِينَ يَخَافُهُمْ عَلَى نَفْسِهِ فَيُوَافِقُهُمْ فِي الْفِعْلِ الظَّاهِرِ وَيَقْصِدُ بِقَلْبِهِ السُّجُودَ لِلَّهِ كَمَا ذُكِرَ أَنَّ بَعْضَ عُلَمَاءِ الْمُسْلِمِينَ وَعُلَمَاءِ أَهْلِ الْكِتَابِ فَعَلَ نَحْوَ ذَلِكَ مَعَ قَوْمٍ مِنْ الْمُشْرِكِينَ حَتَّى دَعَاهُمْ إلَى الْإِسْلَامِ فَأَسْلَمُوا عَلَى يَدَيْهِ وَلَمْ يُظْهِرْ مُنَافِرَتَهُمْ فِي أَوَّلِ الْأَمْرِ“

 

„Was denn Kufr von den äußerlichen Taten angeht, so wie das Niederwerfen vor einer Götze, das Beleidigen des Propheten und ähnlichen Taten, so ist dies [Kufr] notwendig mit der Existenz des Kufrs im Herzen [das heißt er muss auf die Absicht haben]. Andernfalls, falls wir annehmen, dass er sich vor einer Götze niederwirft doch in seinem Herzen nicht beabsichtigt sich vor einer Götze nieder zu werfen und er beabsichtigt eigentlich sich vor Allāh ﷻ nieder zu werfen, so ist dies kein [!!!] Kufr. Manchmal ist dies erlaubt, wenn er unter den [Götzenanbetern] ist und um seine Sicherheit fürchtet und aus diesem Anlass [die Furcht um seine Sicherheit], mit Ihnen in seinen äußerlichen Taten übereinstimmt [Opfern, Niederwerung] doch in seinem Herzen beabsichtigt er die Niederwerung vor Allāh ﷻ wie erwähnt wurde das manche Gelehrten der Muslime und manche Gelehrten der Ahlul Kitāb [Juden und Christen] dies Taten, bei den Götzenanbetern taten bis sie sie [bei Möglichkeit] zum Islām ruften und sie [die Götzenanbeter] zu Muslimen wurden und er demonstrierte niemanden seine wahren Absichten die er anfangs hatte am Anfang [der Da’wa].“[Ibn Taymīyah, Majmū al-Fatāwa 2/170]

 

Ibn Uthaymīn sagte:

„Wenn er dazu gezwungen wird eine Tat des Unglaubens zu begehen, doch sein Herz ist gefestigt im Glauben, so darf man so einen nicht zu einem Ungläubigen erklären, weil es ein Hinderungsgrund gibt dazu [ihn  zum Ungläubigen zu erklären], welcher ist, dass er gezwungen wurde.“ [Majmū al-Fatāwa wa Rasā’il al-Uthaymīn 3/54]

 

In Mau’su’ā al-Fiqīyah steht geschrieben:

„Es ist nicht erlaubt jemanden zum Kāfir zu erklären, welcher zu einem Kufr Wort Tat gezwungen wurde während sein Herz im Glauben war.“

[ Band 13 Seite 229]

 

Wir sehen, dass die Worte, die Šaykh al-Islām ibn Taymīyah [rahimahullāh] brachte, im Einklang mit dem Qur’ān der Sunnah und dem Konsens der Ulamā sind. Es genügen eigentlich auch die Worte des Erhabenen und Edelmütigsten der Edelmütigen und Herrlichen und herrlich ist seine Herrlichkeit:

مَن كَفَرَ بِاللَّهِ مِن بَعْدِ إِيمَانِهِ إِلَّا مَنْ أُكْرِهَ وَقَلْبُهُ مُطْمَئِنٌّ بِالْإِيمَانِ وَلَٰكِن مَّن شَرَحَ بِالْكُفْرِ صَدْرًا فَعَلَيْهِمْ غَضَبٌ مِّنَ اللَّهِ وَلَهُمْ عَذَابٌ عَظِيمٌ

„Wer Allāh verleugnet, nachdem er geglaubt hat – den allein ausgenommen, der (dazu) gezwungen wird, während sein Herz im Glauben Frieden findet -, auf jenen aber, die ihre Brust dem Unglauben öffnen, lastet Allahs Zorn; und ihnen wird eine strenge Strafe zuteil sein.“

[Koran 16:106]

 

Man sollte nicht alles glauben was im Internet steht und auch nicht alles immer blind akzeptieren. Man sieht klar, dass die Worte von Abdur-Rahmān ibn Hasan, Worte der Übertreibung sind und je mehr wir eintauchen in die Dāwa Najdīya so merken wir ,dass die Qualität unterschiedlich ist, je mehr die Autoren sich zeitlich von den Salaf entfernten. So war mit großer Wahrscheinlichkeit Muhammad ibn Abdul-Wahhāb anders als seine Nachkommen.

 

Und Allāh der Majestätische weiß es am besten.

 

Wallāhi wir leben in einer Zeit voller Fitān möge Allah uns vergeben und Sich und gnädig zuwenden.

 

Alles Lob gebührt Allāh und Friede und Segen seien auf seinem Propheten unserem Meister und Fürsten Muhammad Amīn Mustafā

 

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1 Comment

  1. Abdullah

    Es erscheint mir sehr merkwürdig, dass jene Götzenanbeter es akzeptierten, ihrem falschen Gott eine Fliege zu opfern. Fliegen wachsen im Mist und in Abfällen, und solche aus Unreinem und Schmutz entstandene Tiere einem Götzen zu opfern, scheint doch mehr eine Schmähung jenes Götzen zu sein.
    Im antiken Römischen Kaiserreich musste jeder römische Bürger dem Kaiser ein Opfer, und sei es nur ein geringes, dargebracht haben, um nicht vor Gericht gestellt zu werden und darüber eine Urkunde ausgestellt zu bekommen. Dazu genügte es, ein wenig Weihrauch oder anderes Räucherwerk auf einem Altar zu verbrennen. Fliegen gehörten nicht zu den Opfergaben, und ich kann mir nicht vorstellen, dass solche akzeptiert worden wären.

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