September 26, 2017

Fahrlässigkeit im Takfir

Shaykh al-Islam Abul-Fath ibn Daqīq al-Īd al-Qušayrī [radī Allāhu anhu] über den fälschlichen Takfīr in einer Sache, wo große Gelehrte Meinungsverschiedenheiten hatten. Vorab aber wer war Ibn Daqīq al-Īd al-Qušayrī:

 

Abu Hurayra [radī Allāhu anhu] berichtete vom Gesandten Allāhs (sallallahu aleyhi ve sellem), dass er sagte:

 

عَنْ أَبِي هُرَيْرَةَ عَنْ رَسُولِ اللَّهِ صَلَّى اللهُ عَلَيْهِ وَسَلَّمَ قَالَ: «إِنَّ اللَّهَ يَبْعَثُ لِهَذِهِ الْأُمَّةِ عَلَى رَأْسِ كُلِّ مِائَةِ سَنَةٍ مَنْ يُجَدِّدُ لَهَا دِينَهَا

 

„Wahrlich sendet Allāh  für diese Ummah zu Beginn jedes Jahrhunderts einen, der für sie ihren Glauben erneuert.“

 

[Abu Dawūd, Sunān Nr. 4291 Hadīth ist Sahīh und al-Hākim überliefert in al-Mustadrak einen ähnlichen Hadīth ebenfalls authentisch]

 

Imām Šams ud-Dīn adh-Dhahabī [rahimahullāh] über die Jahrhundertsgelehrten (Mujtahidun):

 

وقَد كَانَ عَلَى رَأس الْأرْبَع مئة الشَّيْخ أَبُوْ حَامِدٍ الْإسْفَرَايينِي، وَعَلَى رَأس الخَمْس مئة أَبُوْ حَاْمِد الْغزَالِي، وَعَلَى رأس السِّت مئة الْحَافِظ عَبْد الْغَنِي، وَعَلَى رَأس السَّبْع مئة شَيْخُنَا أَبُوْ الْفَتْح إبْنُ دَقِيق الْعِيْد.“

 

„[Ich Dhahabī sage:] Der angekündigte Gelehrte des Anfangs des 4. Jahrhunderts  ist Shaykh Abū Hamīd al-Isfarā’īnī, der Gelehrte des 5. Jahrhunderts ist Abū Hamīd al-Ghazālī, der Gelehrte des 6. Jahrhunderts ist al-Hāfiz abd al-Ghanī und der Gelehrte des 7. Jahrhunderts ist unser Shaykh Abūl Fath ibn Daqīq al-Īd.“

 

[Dhahabī, Siyar a’lām an-Nubalā 14/203]

 

Imām Tāj ad-Dīn as-Subkī [rahimahullāh] selber sagte über Imam ibn Daqīq al-‚Īd [rahimahullāh]

 

ولم ندرك أحدا من مشايخنا يختلف في أن ابْن دقيق العيد هو العالم المبعوث على رأس السبع مائة ، المشار إليه في الحديث المصطفوي النبوي صَلَّى اللَّهُ عَلَى قائله وسلم , وأنه أستاذ زمانه ؛ علما ودينا

 

„Wir haben keinen von unseren Gelehrten hinsichtlich dieser Sache in Meinungunterschied gesehen, dass ibn Daqiq al-‚Id [mit Konsens] der gesandte Mujtahid zu Beginn des siebten Jahrhunderts ist, welche in den Hadith des Propheten (sallallahu aleyhi ve sellem) darauf hingewiesen wird, und dass er der Meister seiner Zeit ist, im Wissen und Glaube [Dīn].“

 

[Tāj as-Subkī, Tabaqāt aš-Šāfi’īyatul Kubrā (9/209)]

 

Shaykh al-Islam ibn Daqīq al-Īd [rahimahullāh] über den unberechtigten Takfīr auf einen Muslim, wenn dies jedoch in Wirklichkeit nicht so ist:

 

فقد رتَّب عَلَيْه الرَّسُوْل ﷺ قَوْله : „حارَ عَلَيْه (يعني التَكْفِيْر)“ بلحاء المهملة : أي رجع ، قَالَ الله تعالى : << إِنَّهُ ظَنَّ أَن لَّن يَحُورَ >> أي : يرجع حيّاً. وهذا وعيد عظيم لمن أكفر أحداً من المسامين و ليس كذلك ، هو ورطةٌ عظيمةٌ وقَعَ فِيْهَا خَلقٌ كثيْر من المتكلمين، و من المنسوبين إلى السُنَّةِ وَ أهْل الحَدِيْث

لما اخْتَلِفْوا فِي العَقَائِد فغلظوا على مخالفيهم وحكموا بكفرهم، وخرق حجاب الهيبة في ذلك جماعة من الحشوية، وهذا الوعيد لاحق بهم إذا لم تكن خصومهم كذلك.

 

Und der Gesandte [Allāhs] (sallallahu aleyhi ve sellem) sagte [über die Angelegenheit des fälschlichen Takfīr] schlussfolgernd: „Es [der Takfīr] fällt zurück.“ Und dies bedeutet: Es fällt auf ihn zurück. Und Allāh, der Erhabene.  sagte: diesbezüglich: „Siehe, er dachte, daß er nie davon abkommen würde.“ [84:14] Also: zu Allāh lebendig zurückzukehren.

Und dies ist eine strenge Warnung für diejenigen, die einen Muslim als Ungläubigen bezeichnen, während es nicht so ist. Dies ist ein gewaltiges Dilemma, in welches einige Gelehrten [Mutakalimīn, Ahlul-Hadīth…] die Meinungsverschiedenheiten in den Glaubenslehren hatten gefallen sind, und hierauf sich gegenseitig zu Ungläubigen erklärt haben.“
[Ibn Daqīq al-Īd, al-Ahkam il-Ahkām S.483]

 

Ebenfalls erwähnenswert sind folgende Aussagen der Ulama:

Shaykh al-Islām Taqī ud-Dīn ibn Taymīyyah [rahimahullāh] sagte:

„Dies ist warum die Leute des Wissens und der Sunnah [die Gelehrten] Zuflucht davor suchten den Takfir auf jene zu machen, die ihnen widersprachen, selbst wenn die Gegner Takfīr auf sie machen. Dies ist so, weil das Thema „Kufr“ ein Rechtsanspruch ist welches durch die Sharia etabliert wurde und deswegen, kann die Person damit [dem Takfir zurück] nicht bestraft werden, wie es auch bei jemanden ist der über dich Lügen verbreitet, du dann auch nicht deswegen Lügen über ihn verbreiten darfst, oder das jemand mit deinen Familienmitgliedern Unzucht betreibt, du daraufhin Unzucht mit seinen Familienmitgliedern treiben darfst. Dies ist so weil das Unzucht treiben harām [verboten und strafbar] ist welche Allāhs Rechte [über dich] sind. Ähnlich ist der Takfīr ein Recht welches Allāh gebührt. Deswegen bezichtigen wir niemanden mit Kufr außer welche von Allāh ﷻ und seinem Gesandtenﷺ so bezeichnet wurden.“

[Ibn Taymīyyah; Istighāta fī Radd al al-Bakrī 3/381]

Sowie

In ar-Rawdah 10/65 sagt Hujjatul Islam an-Nawawī [rahimahullāh]:

„Wenn jemand zu einem Muslim sagt „O Kāfir“ ohne Hintergrundwissen dann [!!!] ist es Kufr, weil er den Islam Kufr nennt.“

Und in Šarh Sahīh Muslim 2/238 sagt Imām Nawawī ebenfalls:

„Manche Ulamā haben das äußerliche von dem Hadīth anders verstanden, nämlich das wegen wegen einer großen Sünde der Takfīr gesprochen wird, diese Sünde auf ihn zurück fällt. Somit hat er eine große [ma’sia] Sünde begangen, welche auch in kompletten Kufr führen kann!“

al-Hāfiz ibn Hajjar al-Asqalānī [rahimahullāh] sagt:

„Die korrekte Ansicht über den Hadīth […] ist es, dass befürchtet wird, dass das unrechtmäßige Aussprechen des Takfīrs dazu führen kann [!!!], dass jemand in Kufr fällt.

In solch einem Fall bedeutet es, dass sein Urteil des Takfīr [bezüglich der Sünde] auf ihn zurück fällt, jedoch nicht der Kufr.“

So ist derjenige der dieses Urteil gesprochen hat in Kufr [kleiner Kufr], da er über jemanden das Urteil gesprochen hat, der wie er Muslim ist.“

[Ibn Hajjar, Fath ul-Bārī]

 

Ebenfalls interessant die Meinung des großen Shafii-Gelehrten Taqi ad-Din Subki. Man siehe zuerst die Meinungen über ihn im folgenden.

 

Imām adh-Dhahabī [rahimahullāh] über Shaykh al-Islām Taqī ad-Dīn as-Subkī [rahimahullāh] als er in der Amawi Moschee zum Gelehrten ernannt wurde:

„Die Kanzel in der Amawi Moschee soll sich bereit halten wenn der Richter [al-Hākim], das Meer des Wissen [al-Bahr], der Taqī, der größte Meister [Hāfiz] unter allen Šuyūkh dieses Jahrhunderts, der Fromme (von allen), der größte Qā’id, ‚Alī as-Subkī ihn betretet!“

[zitiert von Muhammed Awwama in seinem Buch ”Athār al-Ḥadīth aš-Šarīf Ikhtilāf al-Aimmat al-Fuqahā’i]

Imām al-Dhahabī über den Richter aller Richter Taqī ad-Dīn as-Subkī:

وفيه قدم العلامة شيخ الإسلام تقي الدين السبكي على قضاء الشافعية بالشام، وفرح المسلمون به.

„In diesem Jahr wurde al-‚Allama Shaykh al-Islām Taqī ad-Dīn as-Subkī der Richter der Shāfi’īs im Sham. Die Muslime freuten sich darüber.“

[Dhahabī, al-‚Ibr]

Imām Ša’rānī [rahimahullāh] überliefert folgende Worte vom dem Qādī der Quzāz, dem Shaykh des Islāms, dem Imām seiner Zeit der Koryphäe seiner Zeit Imām Taqī ad-Dīn as-Subkī [rahimahullāh]:

”Einmal fragte man Šaykh al-Islām Taqī ad-Dīn al-Subkī: Ist es notwendig, jene zu Kuffar zu erklären, die Erneuerungen befürworten und die einige ( mutaschabbi ḥ – mehrdeutige) Verse des Qur’an falsch interpretieren? Er antwortete: ”Ihr sollt wissen, dass es für diejenigen, die Allah fürchten, sehr schwierig sein wird, irgendjemanden des Unglaubens zu bezichtigen, der sagt: ‚Es gibt keinen Gott außer Allāh und Muhammad ist sein Gesandter. ‘‛

 

Weiterhin sagt Imām al-Subkī:

„Die Regeln des Takfīr sind eine sehr komplexe Angelegenheit – eine Angelegenheit von wenig Klarheit und viel Zweifel. Dafür gibt es viele Richtlinien und Bedingungen. An erster Stelle benötigt man eine gute Beherrschung der arabischen Sprache, einschließlich der Dialekte und dessen Ausdrucksformen in wörtlicher und metaphorischer Form und man muss die Feinheiten in der Wissenschaft des Tawḥīd und seine komplexen Gesichtspunkte kennen. Obendrein muss man sich auf vielen anderen Gebieten zurechtfinden können. All dies ist für die heutigen großen Gelehrten kaum zu erreichen, geschweige denn für das gewöhnliche Volk. Wie wollen diese Leute die Religion vor gefährlichen Worten anderer schützen, wenn sie ihre eigene Zunge nicht vor Worten bewahren können, die ihren eigenen Glauben gefährden? Uns bleibt nichts weiter übrig, als das Urteil des Takfīr für diejenigen aufzuheben, die beide Zeugnisse des Glaubens abgelehnt haben – beide Teile der Schahāda – und letztlich den Islam verlassen haben. Jedoch ist dies unüblich.‛“

[Ša’rānī, Tabaqāt S.13]

About The Author

Kommentar verfassen